08.07. - 11.07.2014

Der gestern eingeholte Wetterbericht für die nächsten Tage schien vielversprechend! Anfangs jedoch mit 5 - 6 Bft. Etwas ruppig für diese Gegend, zumal es schien, dass wir bis zum letzten englischen Zipfen wieder hart an der Windkante entlang müssen.

 

Direkt durch bis Spanien?! 

 

Zwei Tage zuvor saß ich am Abend mit Weltumsegler Wim, der übrigens im August 2014 70 Jahre wird, und seiner Frau Nelly zusammen an Bord.  Wir sprachen über unsere jeweiligen Reiseziele. Dabei erzählte mir Wim, dass er vor einigen Jahren nicht von Falmouth, wie ich eigentlich geplant hatte, sondern direckt von hier zum Ritt über die Biskaya angesetzt hatte.

 

Warum eigentlich nicht?! Daran hatte ich noch nicht gedacht. Lass es laufen, wenn es gut läuft. Der Gedanke ermunterte mich. Ja, warum eigentlich nicht?!

 

Um genau 7:41 Uhr verließen wir den Hafen und steuerten zunächst die (schwimmenden) Tankstelle im Dart an. Der Stundenzähler des Motors zeigte 721 h. Nur 60 Liter bekamen wir rein. Damit war der 200 Liter Tank randvoll. Die 50 Liter in den Reservekanistern hatten wir zwischenzeitlich nicht angerührt.

 

Kurzum drehten wir Ganeschas Nase noch einmal landeinwärts - in den Wind - hissten das Großsegel (vorsorglich im ersten Reff, da obere 5 Bft gemeldet waren), und drehten nun stromabwärts Richtung Atlantik ein.

 

Spanien wir kommen!

 

Trotz der ca. 560 SM die in einem Stück vor uns lagen fühlte ich mich recht entspannt. Eines war klar, nun gibt es endgültig kein zurück mehr.

 

Aus Respekt vor den Windböen bis 6 - 7 Bft, die später über Funk von der englischen Küstenwacht gemeldet wurden, der hohen Wellen die uns Draußen erwarten würden, hielt ich die Option Falmouth zunächst noch aufrecht. Es war wie bei einem Pokerspiel. Für den nächsten Tag waren aber Böen bis zu 8 Bft für die Gegend um Falmouth angekündigt.

 

Ab Dartmündung wehte zunächst ein schlappes Lüftchen. Sogleich refften wir aus und fuhren unter Vollzeug. Bei "Halbwindkurs" kamen wir auch einigermaßen voran. Als wir jedoch um die Ecke von Pawle Point herum kamen, mussten wir beinahe genau gegenan. Da der Wind sich gegen Mittag nach NW drechen sollte, was auch für Falmouth hervorragend gepasst hätte, hielten wir genau darauf zu.

 

Schnell stellte sich heraus, das dieser Kurs ohne Maschine nicht zu halten ist, und so schalteten wir sie kurzerhand zu. Ich kam ins Grübeln: Maschinenfahrt liegt mir überhaupt nicht. Will doch aber schnellstens rüber. Egal, weiter so. Oder? Nein, so geht das nicht. Die innere Zerreißprobe war in vollem Gang. Ich hatte zwingende Gründe eher heute als morgen in La Coruna anzukommen ... .

 

Letztendlich, rund 2 Stunden später, entschied ich mich gegen die Maschine und wir vielen soweit vom Wind ab, sodass wir etwas Fahrt machen konnten.

 

Ich weiß nicht genau wie spät es war, als dann der Wind plötzlich wie angekündigt nach NW drehte, und wir nun auf der geplanten Kurslinie unserem Ziel entgegen segeln konnten.

 

So gegen 20:00 Uhr umrundeten wir die Landzunge von Landewednack. Dieses muss wohl eine fischreiche Gegend sein, denn die Bojen der Netze und Reusen reihten sich wie an einer Perlenkette auf. Leider aber nicht so geordnet.

 

 

Nach ca. 11 Stunden Fahrt passierten wir Landewednack

 

Die zwei Boote aus Holland, die mit uns gleichzeitig die Dartmündung verließen, haben wir bereits am frühen Nachmittag aus den Augen verloren. Meine Vermutung, dass die änlich einem "Traditionssegler" aus Stahl gebauten Schiffe (ich hatte sie während der Vorbeifahrt nicht genau betrachtet) nicht so hoch am Wind segeln können, bewahrheitete sich letztendlich. Hauptsächlich entfernten wir uns aber wohl deshalb so rasch von ihnen, da wir für rund 2 Stunden die Maschine mitlaufen lassen haben.

 

Ein Boot nannte sich "PUFF", ja, bitte nicht lachen, es ist nicht so wie ihr vermutlich denkt. Puff verkörpert, so erfur ich aus erster Hand später, eine Figur aus einem Film, ich glaube es war ein Märchen.
Ein junges, sehr sympathisches Pärchen steuerte das Boot. Wir hatten kurz Funkkontakt und tauschen die Wetterinterpretation miteinander aus. Süße Maus mit süßer Stimme. Leider habe ich die Fotos verbaselt. Wir sollten uns aber noch einmal wiedersehen... .

 

Kurs halten - durch das Verkehrstrennungsgebiet

 

Brav, hielten wir unseren Kurs zunächst so ein, dass wir das voraus liegende Verkehrstrennungsgenbiet vorschriftsmäßig im rechten Winkel queren konnten.

 

Obwohl ich in der Nacht praktisch kein Auge zu gemacht hatte, stellte sich am frühen Morgen des 09. Juli eine gewisse Erleichterung bei mir ein. Nun waren wir in der "Keltischen See". (Man, was muß hier früher so alles los gewesen sein. Überall liegen die Wracks auf dem Meeresgrund verteilt).

 

Die Bojen der Fischernetze, das Verkehrstrennungsgebiet, die Untiefen und der Gleichen hatten wir nun hinter uns gelassen! Vor uns nun der Nordatlantik mit seiner berühmt berüchtigen Biskaya.

 

Der Wind frischte gemäß Wettervorsage auf und drehte weiter Richtung NNW, was uns half, mit bis zu 9 Knoten voran zu kommen. Meine erneute bleierne Müdigkeit war bei dieser Rauschefahrt schnell vergessen. Jedoch nahm auch die Wellenhöhe beträchtlich zu. Größtenteils aus W bis NW kamen sie angerollt. Manch eine rund 4 Meter hoch.

 

Je mehr wir uns aber von der englischen Küste entfernten, und der Wind dabei weiter gen Norden drehte, beruhigte sich die See zunehmens. Die Wellenrichtung änderte sich mehr aus Nord kommend, so dass sie begannen von hinten unter uns durchzurollen.

 

Die Genua hatten wir mittlerweile ausgebaumt und am Großsegel einen Bullenstander, also eine dicke Leine die hinten am Baum befestigt wird und zum Vorschiff führt, um ein plötzliches Überkommen (Patenthalse) des Baumes auszuschließen.

 

Das ging für 3 - 4 Stunden recht gut, bis jedoch der Wind von rund 22 Knoten, als wir den Stander gesetzt hatten, auf 16- und später rund 14 Knoten abviel. Der nun reduzierte Winddruck reichte nicht mehr aus, um die Segel stabiel stehen zu lassen. Das "Rollen" des Bootes durch die von hinten kommenden Wellen war so stark, dass das Großsegel durch den Schwung regelmäßig zusammen viel und sich mit einem lauten Getöse wieder aufbäumte, wenn der Schwung wieder in die Gegenrichtung setzte.

 

So holten wir das Großsegel ein und rollten an der Gegenseeite der Genua die Kutterfock aus und baumten sie mit dem zweiten vorhandenen Spiebaum aus, damit sie nicht durch das Schaukeln über kam, wie zuvor das Großsegel.

 

 

Butterfly- oder Elefantensegeln - zuvor aufgenommen in der Ostsee

 

Bei meinen Vorbereitungen für diese Reise habe ich mehrere Bücher der berühmten Weltumsegler gelesen. Dort gab es viele Tipps, insbesondere darüber, wie man am sichersten die Biskaya überquert. Immer wieder war zu lesen, dass es sich vornehmlich empfielt, von der englischen Küste zunächst so lange gen Westen zu segeln, bis La Coruna querab liegt, um dann direkt darauf zu zu steuern. Empfohlen deshalb, um sich bei Sturm vor den gefärlichen  Legerwall (Landfall) frei zu halten.

 

Mag es sicherlich so sein. Zunächst wollte ich diesem Rat folgen. Weitere Überlegungen die unsere tatsächliche Situation mit berücksichtigte brachten mich zu folgendem Entschluss:

 

Der Wetterbericht sagte eine stabile Wetterlage aus nördlicher Richtung für die ganze Woche voraus. Technisch sind wir so ausgerüstet, das wir Änderungen sofort erfahren hätten und entsprechend reagieren können. Und: Bei einem solchen Azoren-Hochkeil wie gerate gegeben, ist mit einer plötzlich auftretenden Wetterverschlechterung nicht zu rechnen.

 

So legten wir bereits rund 80 SM Ruder direkt auf La Coruna, bevor wir den in den Lehrbüchern empfohlenen Punkt erreicht hatten. Dieses verkürzte den zurückzulegenden Weg um geschätzte 30 SM.

 

Als ich am 10.07. meine 03:00 Uhr Wache antrat, tappste ich im Salon erst einmal durch eine Wasserlache. Sie Schmeckte nach Salz. Eine Erklärung, wie die dort hingekommen ist, hatte Gregor nicht. Hat sicher ein Engleich gepinkelt. Aber schmeckt das wirklich so salzig?

 

Bei dem heftigen Rollen des Bootes ist ihm wohl gehörig schlecht geworden. Das sich eine Welle über Deck ausgebreitet und sich bis in den Salon begeben hatte hatte er wohl nicht bemerkt, oder wollte es nicht bemerkt haben. Egal, sei es wie es ist. Drin ist drin.

 

Am frühen Morgen nach dem Frühstück stelle sich auch bei mir plötzlich ein starkes Grummeln in der Magengegend ein, was sich rasch verschlimmern sollte. Seekrankheit ist für mich eigentlich kein Thema. Sollte es mich dennoch erwischt haben? Ja, die fette Avocado in meinem Magen schien sich einfach nicht mit dem Chemiehaushalt meines Körpers anfreunden zu wollen.

 

Gegen Mittag blieb nur noch der "Sprung" zur Toilette! Ich war gerade am Navitisch. Bis zur Reling hätte es nicht mehr gereicht. Und raus mit dir du böse böse Avocado. Avocados mag ich ja für mein Leben gern, aber rückwärts gegessen war das wirklich kein Vergnügen!

 

Ca. zwei Stunden nach dem "Rückwärtsmenü" ging es mir, abgesehen von üblen Kopfschmerzen, die sich zwischenzeitlich eingeschlichen hatten, wieder wesentlich besser. Gregor war zwar auch noch ein wenig blass um die Nase, fühlte sich aber auch schon wieder erholt.

 

Der Wind hatte weiter abgeflaut und wir dümpelten und rollten mit 3 - 4 Knoten und dann wieder 3 Knoten hin und her. Der Wind ließ mehr und mehr nach. Nur noch 6 - 8 Knoten aus nunmehr NO blieben an diesem Abend für uns übrig. Dafür bot uns eine Gruppe Delphine, die sich jagender Weise in unserer Nähe wohl erst einmal den Bauch voll geschlagen hatten, ein wunderbares Schauspiel.

 

 

Delfine beim Verdauungssport
Delfine beim Verdauungssport

 

Mit der langsamen Kamera war es nicht ganz leicht die flotten Jungs einzufangen. Ein bisschen Glück hatten wir dann doch.

 

So schnell wie sie gekommen waren, so schnell haben sie sich wieder verzogen. Es wird einem aber immer sehr warm ums Herz, sobald sie sich in deine Richtung bewegen und dich regelrecht zum Spielen einzuladen scheinen.

 

Rasch brach die Dunkelheit über uns herüber. Die Segel hatten wir zwischenzeitlich ganz eingepackt und brachten uns erneut mit Hilfe der Maschine mit ca. 7 Knoten voran. Nach dem 3. Kontaktversuch zu den vorbeifahrenden Frachtschiffen konnte Gregeor das unglaublich Ergebnis des WM-Spieles Deutschland - Brasilien in Erfahrung bringen. Ich habe es ehrlich gesagt nicht geglaubt.

 

Meine 03:00 Uhr Wache am 11.07. stand nun an. Der Wind hatte wieder ein bisschen zugelegt. Schwankte aber zwischen 8 und 14 Knoten hin und her. Das Rollen durch die achterlich einkommen Wellen war noch immer gegeben. Die erneut gesetzte Genua packte ich aber sogleich wieder ein, da es kaum ein Vorankommen gab. Es wäre die Change für den Genakker gewesen, doch wollte ich diesen aus verschiedenen triftigen Gründen nicht setzen.

 

Einer davon war die Tatsache, dass der Wind in der Gegend von La Coruna auf rund 25 Knoten auffrischen sollte. Und so kam es dann auch...

 

Als wir uns dem Land näherten, frischte der Wind rapide auf. Mit zwischenzeitlich voll gesetzten Segeln rauschten wir förmlich unserem Ziel La Coruna entgegen. Mein Herz tanzte vor Freude, war doch die "Erlösung" zum greifen nah ... .

 

Als das Land dann wirklich zum greifen nach schien, mussten wir noch mal an die Segel. Genua weg. Groß ganz dicht geholt.

 

Zwei Trawlwer waren in Parallelfahrt auf Beutezug und waren dabei unseren Weg zu kreuzen. Nach genauer Peilung war deutlich: Das Netz war noch nicht ausgebracht. Sie wollen uns vorbei lassen (gemäß den Vorfahrtsregeln). Mit einem Dankeswinken zogen wir vor ihnen durch und dann war der Weg frei.

 

Je näher wir dem Land kamen, so mehr frischte der Wind aus nordöstlicher Richtung auf. 22 Knoten, 25 Knoten ... . Mit 8,5 Knoten passierten wir die Landzunge "Costa Abrata" bis die Navigation plötzlich wieder ihren Geist aufgab.

 

 

Landzunge der Costa Abrata

 

Die starke Strömung vor Ort schien den Prozessor des Kartenplotters wieder an seine Grenzen gebracht zu haben. Dieses mal navigierten wir mit meinem neuen Smartphone weiter. Wir hätten auch nach Sicht fahren können, doch lag genau vor uns eine Flachstelle mit nur ca. 6 m Wassertiele. Eigentlich kein Problem, doch aus den Erfahrungen vor der Isle of Wigth mit seinem derben Strudel, wollte ich diese Stelle unbedingt meiden. Außerdem war noch ein Wrak an dieser Stelle eingezeichnet, was ich auf dem flackernden Kartenplotter noch gerade vernommen hatte.

 

Als wir um den Wellenbrecher von La Coruna herumkamen hatte sich das Wetter regelrecht zugespizt. 27 Knoten Wind, diesig, Nieselregen. Gleich haben wir es geschafft. Nur noch eine Wende und dann die Segel runter. Eine kurze Stimme flackerte in mit auf: "Keine Halse, mach eine Q-Wende".

 

Böser Fehler: Ich wollte ja nicht auf meinen siebten Sinn hören! Schritt für Schritt ging ich mit Gregor nochmals den theoretischen Ablauf einer Halse durch. Nach seiner Weltumseglung, so dachte ich, eigentlich eine Frechheit von mir. Doch weit gefehlt, was die Praxis schon zwei Minuten später energisch unter Beweiß stellen sollte...

 

Anstelle nach meinem Komando:"Rund Achtern" die dichtgeholte Schot gezielt zu fieren, öffnete Gregor mit einem Ruck den Klemmblock der Travelerleine des an Steuerbors stehenden Holepunktes der Großschot.

 

MIt einem KAAWUMM kam der Baum mitsamt dem Großsegel über geschlagen wie ein Peitschenhieb. Die Schot, die er nicht zweimal wie angewiesen über die Winsch gelegt hatte, rauschte ihm durch die Finger. Glücklicherweise ließ er sie wenigstens rechtzeitig los, was ihn vor schlimmen Folgen bewahrte.

 

Das Rigg hat derart geknallt, wie ich es noch nie in meinem Leben zuvor erlebt hatte. Das der Mast nicht runter gekommen bzw. der Baum nicht gebrochen ist, grenzt an ein Wunder... .

 

Es war Niedrigwasser als wir auf die Anleger der "Marinacoruna" zuliefen. Der Wind bließ uns weiter um die Ohren. Die in den Boden gerammten Stahlsäulen der Hafenanlage ragten in der Dämmerung gerade bedrohlich ca. 10 m hoch aus dem Wasser. "Wie sollen wir da unsere Leinen drum herum bekommen", schoss es mir durch den Kopf. Ich war wiederholt total übermüdet, denn auch auf diesem, letzten gemeinsamen Abschnitt hatte ich nur selten wirklich ein Auge zugetan.

 

Auch der Schock durch die Patenhalse saß weiterhin tief. Es war wie ein Blackout. Mein ohnehin zum gestiegener Blutdruck schien ins Unendliche steigen zu wollen. Binnen weniger Sekunden bekam ich solche Kopfschmerzen, dass mir übel wurde. Kriegt er es dieses Mal hin? Mimmt er dieses Mal die richtige Leine? Hat er die Fender dieses Mal richtig positioniert? Die Denkmaschine wollte einfach nicht mehr stoppen. Ich sprang hinter dem Steuerrad hervor, prüfte alles noch einmal und gab letzte Anweisungen...

 

... und dann waren wir tatsächlich angekommen!

 

 

Der älteste Leuchtturm der Welt steht hier - in La Coruna
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© Martin Plassonke