Auf nach Porto Santo

Von Albufeira nach Porto Santo

Logge bei Ankunft: 663 SM

Logge bei Abfahrt: 195 SM

Distanz: 7 SM

Motor: 894 h

 

Montag - 21.09. –  16:00 Uhr

 

Auf nach Madeira – bzw. zunächst Porto Santo

 

Es ist 16:00 Uhr, und wir werfen in der Marina de Albufeira, Portugal planmäßig die Leinen los.

 

Die Langzeitprognose des Wetterberichtes zeigte ein freundliches Wetterfenster, ohne Starkwind und Sturm, was grundsätzlich ein gutes Gefühl vermittelt. 468 SM liegen vor uns. In 3,5 bis spätestens 4 Tagen sollten wir unser Ziel eigentlich erreichen können.

 

Die Vorbereitungen für diese Reise führten so einige Male über steinige Wege, und so atmete „ich“, als es nun endlich los ging, erleichtert auf, und ein riesiger Haufen Ballast schien sich in ein Nichts aufzulösen.

 

Bei Violetta wollte sich das Gefühl zur greifbar nahen Freiheit aber noch nicht so recht einstellen. Viel zu lange hatte Sie mit der Angst vor der langen Tour, insbesondere aber durch die Nacht zu fahren, zu kämpfen. Nun plötzlich einfach loslassen zu können wollte ihr nicht so recht gelingen. Doch, ein „Zurück“ kam für sie keines Falls in Frage.

 

So schipperten wir los. Zunächst unter Motor, das wussten wir, da dem Wetterbericht zu entnehmen war, dass der Wind in Küstennähe der Algave pausierte und seinen Dienst erst rund 15 SM offshore antreten wird. Kurs 228 Grad, Richtung Südzipfel des vor SW-Portugal ausgewiesenem Verkehrstrennungsgebietes. Dieses ist bei unserem Ziel besser zu umfahren – schräg durchqueren ist nicht erlaubt.

Schiffe, Schiffe, Schiffe!

 

Nach rund zwei Stunden Maschinenfahrt, kam er denn, der ersehnte Wind. Wunderbar, aus Nord, mit zunächst tollen 15 Knoten. Groß- und Genua gingen auf, und die Emotionen ließen mich die Fassung verlieren. Nach so langer Zeit und so vielem Auf- und Ab. Jau, verdammt und zugenäht. Jau, es geht wieder los - ENDLICH!!!

 

Auf dem Kartenplotter der neuen Navigation zeigte sich im AIS (Automatisches Identifizierung System) und im Radar ein riesiger Wirrwarr an Schiffen, die ihren Kurs inmitten des Trennungsgebietes  fuhren. Und wir schlüpften quasi querfeldein zwischen ihnen durch. Größte Aufmerksamkeit und behutsames Steuern ist nun unabdingbar, wenn man sich nicht mit diesen Kolossen anlegen will.

 

Verkehrstrennungsgebiet Süd-West Portugal

Als wir, ich glaube es war gegen 02:00 Uhr, das Südende des Trennungsgebietes erreichten, löste sich meine Anspannung vollends auf, und ein unbeschreibliches Gefühl an Geborgenheit und Zufriedenheit stellte sich bei mir ein. Ja, wir waren tatsächlich wieder on Tour und kamen flott voran Die Bedingungen waren bis zu diesem Zeitpunkt optimal, ja sogar vorzüglich.

 

Immer noch nur mit einem T-Shirt und kurzer Hose bekleidet, saß ich im Cockpit. Violetta war schon seit Stunden in der Koje verschwunden. Ein leichtes Grummeln hatte sich in Ihrer Magengegend eingestellt. Und da wir wussten, dass die Bedingungen sich ändern werden, glaubte ich, das Sie sich schlafend besser an das schon bald einsetzende Schwojen gewöhnen würde.

 

Nachdem wir uns einige Meilen von den Hauptverkehrswegen entfernt hatten, schaltete ich die Navigationsalarme im AIS und dem Radargerät ein. Früher wäre es nicht ratsam gewesen, da so viele Schiffe um uns herum waren, und es somit dauernd gepiept hätte. Diese Einrichtung erleichtert das Seglerleben schon sehr, denn es warnt rechtzeitig vor unliebsamen Annäherungen. Und so konnte ich nun auch mal für je 15 Minuten die Augen schließen und für einen Rundumblick kurz wieder öffnen.

 

Der Wind hatte zwischenzeitlich recht ordentlich zugelegt. Die Anzeige schwankte nun zwischen 18 bis 22 Knoten. Bei Raumwindkurs (schräg von Achtern) sehr ordentlich, denn da stehen die Segel trotz großem Geschaukel prall und stabil. Doch mit der Windzunahme wuchsen auch die Windwellen und die Dünung.

 

Während der nächsten drei bis vier Stunden änderte der Wind mehr und mehr seine Richtung von N auf NE (Nord-Ost). Jetzt kam er unliebsam direkt von Hinten, und es wurde Zeit, das Großsegel zu bergen und dafür die Kutterfock zu setzen. Die Genua blieb stehen. Um ein „Zusammenfallen“- und anschließendes wieder „Aufknallen“ der Segel zu vermeiden setzte ich an beiden Vorsegeln einen Spibaum.

 

So ausgestattet konnte der Wind nun ruhig weiter zulegen. Aus dem Cockpit musste ich nun aber nicht mehr hinaus, denn die Beiden Vorsegel konnte ich praktisch mühelos aus dem Cockpit heraus verkleinern, ganz bergen sowie auch wieder vergrößern.

 

Diese „Schmetterling-Takelung“ stand noch keine 10 Minuten, als der Wind noch weiter zulegte. 22 bis 25, ja manchmal 27 Koten schoben uns kräftig voran. Etwas wunderte ich mich schon über den Sachverhalt, hatte der Wetterbericht doch nur maximal 18 Knoten vorher gesagt.

 

Mit Zunahme des Windes wuchsen auch Wellen und Dünung. Der Autopilot hatte erheblich unter den Bedingungen zu ächzen. Arme Violetta. So heftig hatten wir es nicht annähernd vermutet. Der Wetterbericht hatte eine Wellenhöhe von angenehmen 2 Metern prognostiziert, gleichmäßig aus einer Richtung kommend. Wir hatten es mit bis zu 4 Meter hoher/n Dünung und Wellen zu tun, die auch noch aus verschiedenen Richtungen auf uns zu rollten.

 

Plötzlich erschallte ein Ruf aus dem Unterdeck: „Martiiin, schnell, einen Eimer“! Der lag zwar schon griffbereit in Violettas Nähe, doch in der Dunkelheit tapste sie, überwältigt von einem üblen Anfall an Seekrankheit verloren im Kreis herum. Mist, es hatte sie voll erwischt, was auch mich mit großem Schmerz erfüllte. Jemanden so leiden zu sehen ist wirklich kein Vergnügen.

 

An Ablösung, die ich mittlerweile eigentlich nötig hätte, war nicht zu denken. Nein, nun war es an der Zeit gleichzeitig an zwei Fronten zu kämpfen: 1. GANESCHA auf sicherem Kurs zu halten und 2. Violetta so zu stabilisieren und zu versorgen, dass die Seekrankheit nicht total überhand bei ihr nahm. Beides konnte ich mittels Handsteuerung erreichen. Um das Schaukeln und Schwojen so gering wie möglich zu halten, stand ich Stunde um Stunde am Ruder. So gut unser neuer Autopilot auch ist, bei achterlichem Wind und überwiegend achterlich kommende Kreuzsee steuert man besser von Hand.

 

Um rund 07:15 Uhr begann die Sonne wieder ihren Dienst auf unseren Breiten. Stark übermüdet, aber trotz der widrigen Umstände doch recht zufrieden, sollte der Tag ruhig kommen. Und das tat er auch. Der Wind blies nun mit guten 18 – 23 Knoten und wir kamen weiter gut voran.  Windwelle und Dünung forderten uns aber immer noch einiges ab.

 

Violetta döste in der Koje vor sich hin. An etwas Nahrungsaufnahme wollte sie sich aber nicht wagen. Ansonsten hielt sie sich tapfer.

 

22.09. – 16:00 Uhr – 1. Etmal 149,8 SM (durchs Wasser)

 

Rasch ging der Tag dahin, Windstärke und Wellen hielten gleichermaßen bei. Nur das sich die Windrichtung zuweilen derart änderte, dass ich quasi für eine Zeit lang stündlich eines der Vorsegel bergen und wieder hissen und schiften musste.

 

Die zweite Nacht brach rasch herein. Kann ich mich mal aufs Ohr legen, oder werden die Kapriolen weiter anhalten? So gegen 23:00 Uhr wurde es ein wenig ruhiger. Hell und klar erleuchtete der Mond die See. Die Sterne funkelten klar und greifbar nahe am Firmament, wie kaum zuvor gesehen. Schön! Doch so richtig konnte ich diesen Moment nicht wirklich genießen. Zu bleiern lag die Müdigkeit auf meinen Knochen.

 

Piep, piep, piep! Plötzlich zuckte ich auf. Im Cockpit war ich im Schlaf versunken. Ein Frachter hatte unseren Alarmkreis berührt und die Geräten machten das, wofür wir sie angeschafft hatten: Sie gaben Alarm. Gut so!

 

Doch mit der Umgebung schien irgend etwas nicht zu stimmen. Es war nun ca. 02:00 Uhr in der Nacht. Stockdunkel, kein Mond, kein einziger Stern. Nein, kohlrabenschwarze Nacht. Man sah wirklich die Hand vor Augen nicht. Der Frachter hatte sich mittlerweile weit entfernt. Träume ich?! Um Kreislauf und Verstand wieder in Gang zu setzen, rieb ich mir erst mal die Augen und schüttelte mich durch. Nun waren meine Sinne plötzlich aufs äußerste gespannt. Ich weis nicht, wie lange dieser „Hab Acht“ Zustand andauerte. Mag es rund eine Stunde angedauert haben.

 

Plötzlich bemerkte ich, dass wir kaum noch voran kamen. Die See wurde praktisch schlagartig glatt. Keinerlei Windwellen. Dünung gefühlt nur noch einen halben Meter. Man, es grauste mir, potz blitz, was ist denn das?!

 

Eine drückende, unangenehme Wärme und Schwüle ergab sich, so dass ich nach wenigen Minuten schweißgebadet da saß. Vor rund einer Stunde hatte ich aufs Barometer geschaut. Keine Veränderung. Gleichzeitig zog rasch dichter Nebel auf. Manomann, was geht denn hier ab?

 

Wie von der Hummel gestochen erschrak ich, als plötzlich ein gewaltiger, ellenlanger Blitz über den Horizont zuckte. Und da, noch einer, und noch einer. Vor mir, neben mir, rings herum zuckten die Blitze. Auweia, kommt Kapitän Blade uns nun persönlich holen? Ganz ehrlich, mir ging es eiskalt den Rücken runter. Ich hatte das Gefühl nun mit Haut und Haaren vom „Fluch der Karibik“ erfasst zu sein. Jede Sekunde rechnete ich damit, dass er, Kapitän Blade, mit seinem Schiff aus der Tiefe vor uns auftauchen würde. Und wieder. Rundum zuckten die Blitze, doch der Donner blieb aus.

 

Ein Blick auf das Radar: Jau, wir waren mitten drin - im Film. Rings um uns herum knallten die Blitze nieder, jedoch ohne auch nur einen einzigen Donner. Nicht ein Tropfen Regen fiel.

Umzingelt von Gewittern
 

Ich war wie erstarrt. Violetta wollte ich nicht wecken. Man, was mach ich bloß? Alle Geräte ausschalten, um sie vor einem Blitzeinschlag zu schützen?! Den Mast noch zusätzlich erden?! In der Vergangenheit habe ich ja schon einiges erlebt, aber ein Spektakel dieser Art war mir absolut neu.

 

In der Papierseekarte hatte ich unseren Fahrtverlauf alle zwei Stunden gekennzeichnet. Sollten die Geräte ausfallen, wäre es kein Problem, unser Ziel auch ohne sie zu erreichen. Von diesem Gedanken getragen, bemühte ich mich, wieder auf den Boden zu kommen, was mir aber nicht sogleich gelingen wollte. Ach was soll’s! Wird schon schief gehen. Ist wohl nur ein Gewitter. Doch der Nebel zog sich weiter zu. Die Blitze kamen näher und tauchten den Nebel  in ein unbeschreibliches Lichtermeer. Ich machte ein Screenshot vom Radarbild, welches zeigte, dass wir von den Wetterkapriolen eingekreist waren.

 

Ich muss mich zusammen reißen. Scheiß auf die Müdigkeit. Da ich ohnehin die Hand vor Augen nicht sehen konnte, schloss ich sie, um mich zu entspannen. Die Blitze zuckten mehr und mehr hernieder. Vor, hinter, links und rechts von uns, ja, immer wieder. Von allen Seiten schienen sie uns jagen zu wollen. Meine Gedanken gingen wieder mit mir durch. Man, scheiße, reis dich zusammen. Totenstille.

Dann plötzlich knallte und donnerte es auf unserer GANESCHA. Man, scheiße, nun kommen sie doch. Ich träume das nicht, nnnneeeiiiiiiiinnnnnnn. Und weiter donnerte es auf Deck, an der Reling, und plötzlich mir auf die Birne. Ein übler Gestank machte sich breit und auf meinem Kopf klebte plötzlich ein widerlicher Schleim. Weiter stockdunkel. Stinken so Kapitän Blade und seine Männer, wenn sie aus der Tiefe kommen?!

 

Der Schock saß tief. Schnell, wo ist die Lampe? Her damit. Bums, donnerte sie mir aus der Hand aufs Deck. Hinterher gesprungen. Quats, ausgerutscht! Scheiße, was läuft denn hier?! Wo bin ich da drauf getreten? Dann fand ich die Taschenlampe. Mit zittrigen Händen schaffte ich kaum sie einzuschalten. Dann, Licht!

 

Das Poltern auf dem Deck war so schnell vergangen, wie es gekommen war. Gott sei Dank! Aber was war hier los? Nach dem ersten Rundumblick mit der Taschenlampe fand ich anstatt einen von Blad’s Kumpanen einen übel stinkenden Tintenfisch. Ca. 1 Kg schwer. Das Deck hatte er als Malstube missbraucht, und seiner Kreativität freien lauf gelassen. Und er war nicht allein.

 

Trotz Schock und von Müdigkeit gefesselt buxierte ich die „Angreifer“ kurzerhand wieder dorthin, wo sie vermutlich her gekommen waren. Gezählt habe ich sie in der Hektik nicht, es müssen aber weit mehr als zehn Stück gewesen sein. Ihhgit, was für ein Gestank. Und überall Tinte und Schleim. Selbst über dem zusammen gelegten Großsegel und der Sprayhood. Fast drei Meter über dem Wasserspiegel. Von den Fingern und Füßen wollte und wollte die Schmiere patu nicht abgehen. Das Deck sah aus wie auf einem Schlachtfeld. Meinen Kopf habe ich gefühlt mehrere Stunden gewaschen.

Kleine Überbleibsel der nächtlichen Attacke
Überall Tinteneinschläge
Sehr kreativ war er aber nicht

 

Das Gewitter um uns herum hatte ich zwischenzeitlich völlig vergessen. In der Küche versuchte ich mit Gewalt erst einmal den Schleim und den Gestank wieder los zu werden. Erst ein paar Tropfen meines Wundermittels „Teebaumöl“ und Essig sorgten für Abhilfe. Die Hände blieben aber zunächst von Tinte behaftet. Erst mal wieder rauf ins Cockpit.

 

Oben angekommen bemerkte ich, dass der Spuk ein Ende genommen hatte! Uff, was für eine Show?!  Hinter uns zuckte dann und wann noch einige Blitze über den Horizont, aber wir haben es geschafft. Wir waren heile durch gekommen.

 

Rasch verschwand der Nebel. Und sogleich frischten Wind und Wellen wieder auf. Doch war es nun wesentlich angenehmer. Wind zwischen 15-18 Knoten, Dünung ca. 2 m aus gleichmäßiger Richtung. Kaum Windsee.

 

Vom übrig gebliebenen erhöhten Adrenalinspiegel befeuert kam ich rasch wieder zur Besinnung und zog die beiden Vorsegel mit Spibaum wieder auf... .

 

Mit den ersten leichten Zügen der Morgendämmerung kroch ich von der Cockpitbank. Der Übermüdung scheine ich wohl für rund zwei Stunden nicht widerstanden zu haben. Die Knochen machten sich bemerkbar. Ich hatte wohl tief und fest geschlafen. Ein kurzer Blick auf die Navigation: GANESCHA lief wie am Schnürchen. 6,4 – 6,8 Knoten bei 15  - 18 Knoten achterlichem Wind. Welch schöner Morgengruß!

 

Ich wartete bis es hell wurde, und ging zu Violetta runter. Sie döste noch dezent, fühlte sich aber schon wesentlich besser. Um nicht gleich mit der Tür ins Haus zu fallen behielt ich die Erlebnisse der Nacht für mich, und reichte ihr erst einmal ein leckeres Honigbrötchen. Das Lächeln auf ihren Lippen entschädigte mich sogleich für das Erlebte. Ja, Violetta fühlte sich bedeutend besser!

 

So gegen 11:00 Uhr flaute der Wind dann kräftig ab. 6, 8, 14, 8, 6, 12 Knoten usw. usw.. Segel rein, Segel raus, Segel rein, Segel raus. Es machte keinen Sinn. Alle Mühen uns vom Wind allein voran bringen zu lassen waren vergebens. Die Schwankung in Windstärke und Richtung ließen es einfach nicht zu. Um ca. 12:00 Uhr schaltete ich den Motor ein, und mit rund 6,5 – 6,8 Knoten zogen wir nicht sondern knatterten unserem Ziel entgegen.

 

23.09. – 16:00 Uhr – 2. Etmal: 151,3 SM (durchs Wasser)

 

Um 16:00 Uhr erneutes Feststellen des Etmals. Ansonsten keine weiteren Vorkommnisse.

 

Am frühen Abend frischte der Wind erneut achterlich auf. Wieder begann das Spiel mit den Segeln. Nun aber zusätzlich mit regelmäßigem Baumschiften. Nach rund 2 Stunden gab ich bei der immer noch nicht unwesentlichen Schaukelei und mehreren blauen Flecken auf.

 

Zum dritten Mal auf unserer Reise nach Porto Santo brach wieder rasch die Dämmerung über uns herein. Der Himmel war teilweise bewölkt. Mal strahlten Mond und Sterne, mal war es für kurze Zeit ein wieder düster. Man wundert sich aber, wie hell die Nacht bei Mondschein (auch bei Halbmond) sein kann.  Was besonders bei diesen wechselhaften Bedingungen festzustellen ist.

 

Die Nacht verlief – glücklicher Weise – ohne besondere Vorkommnisse. Der Motor klang gut und verrichtete seine Arbeit ohne Murren und Knurren. Lieber wären wir aber gesegelt.

 

Im Cockpit hatte ich es mir für die Nacht mit mehreren Decken gemütlich gemacht. Nicht etwa wegen der Kälte, nein, denn es war immer noch warm genug! Die harte Bank wollte ich polstern, um meine Knochen in horizontaler Lage einen Gefallen zu tun. Das tat gut, und so habe auch mehrmals ein Auge zumachen können.

 

Unaufhörlich schob uns unser YANMAR Diesel-Motor voran. Ein bisschen ausgeruhter als den Morgen zuvor luscherte ich um die Ecke in Violettas Kabine. „Juhu“! Nichts! „Juuhhuu, schon Wahach“?! „Was für eine Frage. Bei so einem Geplärre kann ja keiner schlafen“, bekam ich zur Antwort. Hm, generell erst einmal ein Gutes Zeichen. Ja, und das war es auch. Die totale Übelkeit war verflogen und sie hatte sogar schon wieder Kraft für Scherzeleien. Frühstück gab es aber noch in der Koje. Dort ging es ihr am besten.

 

Der Wind ließ auch an diesem Tag auf sich warten, warten und warten. Warten half aber nichts. Er wollte sich patu nicht einstellen. So moteurten wir weiter. Von nun wenig Anforderungen gezeichnet, bekam ich, es muss so gegen 10:00 Uhr gewesen sein, einen richtigen Durchhänger, der mich kurzerhand in einen tiefen Schlaf verfallen ließ.

 

Es kann aber nicht allzu lange angedauert haben, als ein lautes Alarmsignal mich brutal erwachen und eine vertikale Position einnehmen ließ. Man, hatte ich mich erschrocken.

 

Aber was war los? Warum der Alarm? Draußen nichts zu sehen! Ein Blick auf das Radar und den Kartenplotter klärten mich auf. Das Radarsignal war riesig und schien schnurstracks Kurs auf uns zu halten. Was sagt das AIS? Was, nur ein Symbol, keine Daten, kein Rufzeichen, nichts. Also keine Schiffsidentifizierung!

 

Noch wie in Transe machte sich ein neuer Adrenalinschub in mir breit. Das gibt es doch gar nicht. Ein Boot mit Flüchtlingen? Piraten, in dieser Gegend? Nein, das kann nicht sein! Nicht in dieser Gegend! Aber potz Blitz, was ist es dann. Auf meinem Geist lag weiter der Schleier großer Müdigkeit. Sachlichkeit in den Gedanken wollte sich patu nicht einstellen. Noch immer hielt das, ich nenne es mal: UWO (Unbekannte Wasser Objekt), direkten Kollisionskurs bei.

 

So langsam wurde es mir zu bunt. Her mit dem Fernglas. Ich eilte nach unten um es zu holen. Wieder Alarm. Es war der AIS–Alarm, welcher nun ertönte. Mit einem Satz und dem Fernglas in der Hand war ich wieder oben. Wegen der Dünung konnte ich das Objekt nicht identifizieren. Klar war, dass es sich um zwei Objekte handeln musste, die dicht aufeinander folgten. Dieses zeigte nach weiterer Annäherung auch das Radar aufgrund der Vergrößerung. Aber warum keinerlei Identifikation. Da muss doch was faul sein. Und warum Kollisionskurs?! Er müsste mich an Backbordseite passieren und mir nicht direkt vor dem Bug laufen.

 

Der Schleier meiner Verwirrtheit wollte nicht weichen. Doch dann: Kurswechsel von der Gegenseite. Sie gehen nun auf vorgeschriebene Richtung und werden mich an BB passieren. Aber warum verflixt nochmal keine Identifikation?! Und plötzlich wieder ein Kurswechsel: Erneut Kollisionskurs. Scheiße. Hole ich die Harpune. Ja, besser noch das Beil dazu. Quatsch. Aber doch nicht in diesen Breiten! Man, konzentriere dich und sieh noch mal ganz genau nach!

 

Gesagt getan. Aber die AIS-Anzeige gab einfach keine Identifikation her. Nochmals das Fernglas. Nun konnte ich trotz der Schaukelei endlich etwas erkennen. Sicherlich kein Flüchtlings- und auch kein Piratenboot – das Erste. Aber was folgte dahinter? Vier Türme ragten hervor. Nochmal einen Blick auf das erste Objekt. Das AIS sagte eine Geschwindigkeit von 7,8 Knoten. Eine kräftige Bugwelle eilte dem Objekt voraus. Ein Schlepper?! Aber warum keine Identifikation? Und was zieht er denn da hinter sich her?

 

Beide Objekte kamen nun deutlich näher und ließen meinen Adrenalinspiegel deutlich sinken. Es war Tatsächlich ein Schlepper. Waser hinter sich her zog, war eine riesige Bohrinsel. So etwas habe ich zuvor noch nicht gesehen. Die Frage warum er keine Identifikation preisgab blieb mir bis heute unbeantwortet. Ich habe es letztendlich unter „Andere Länder andere Sitten“ abgehandelt... .

Und weiter tuckerte unser Motor... .

 

24.09. –  16:00 Uhr - 3. Etmal: 150,7 SM (durchs Wasser)

 

Wieder war es 16:00 Uhr und an der Zeit das Etmal festzuhalten. Genau in diesem Moment konnte ich die erste Silhouette der Insel Porto Santo erkennen. Da Lag sie nun vor uns, eingehüllt in einem sanften Schleier aus Wolken und Dunst. Noch ca. 20 SM. Hurra! Nur noch wenige Stunden trennten uns von unserem diesmaligen Reiseziel.

 

Das Gefühl war noch nicht so recht daut, als sich sogleich das erste Eppfangskomitee zu uns gesellte. Es war ein kleiner Waal, der uns entgegen eilte. Nur ein oder zwei Minuten später waren wir umzingelt von einer Delfinschule, die sichtlich ihren Spaß hatte, ihre Schwimmkräfte it unserer GANESCHA zu messen. Da muss man einfach heulen. Und das tat ich auch.

 

Ab nach unten: „Komm schnell, ich kann sie sehen“! „Was“? „Ja, ich kann sie sehen“! "Was denn"? "Die Insel!" „Wirklich, ja auch! Schnell, komm rauf“!

Porto Santo - noch ca. 10 SM

 

Sie blieb leider unten. Es ging ihr immer noch nicht so gut.

 

Dann dachte ich einen Augenblick, sie scherzt mit mir, als sie sagte "schon". Doch hatte sie ja recht: Nach genau 3 x 24 Stunden war Porto Santo in Sichtweite. Das die Delfine um uns herum waren ging bei ihr irgendwie unter. Und so schnell wie sie gekommen waren, waren sie auch wieder verschwunden - schade.

 

Um ca. 18:45 Uhr liefen wir in den Hafen ein und ließen den Anker fallen. Das war rund zwölf Stunden früher als gedacht. Nicht selten werden auch ganze vier Tage für die Überfahrt benötigt.

 
Ahoi, wir sind da!!!
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© Martin Plassonke