Von Madeira nach La Graciosa

Madeira - La Graciosa - 270 SM

Logge bei Ankunft: 962 SM

Logge bei Abfahrt: 692 SM

Distanz: 270 SM

Motor: 902 h

 

Ade Madreira!

 

Um 08:00 Uhr morgens waren wir klar zum Ablegen. Beim Frühstück haben wir reingehauen was das Zeug hält - es sollte lange vorhalten. Das Wetter schien - nun endlich - vielversprechend für die Überfahrt (270 SM) zur Nördlichsten der Kanarischen Inseln, "La Graciosa".

 

Eigentlich wollten wir noch etwas länger auf Madeira beiben, denn es gab noch so viel zu entdecken. Z. B. der Gang entlang der Kaskaden. Wegen der Nässe und anhaltenden Regenfälle und der damit resultirenden Gefahr von Steinschlägen haben wir ihn leider nicht in die Tat umgesetzt ... .

 

Von den ewigen (viel zu früh für diese Jahreszeit) Wetterkapriolen hatten wir genug. Wir wollten nur noch eins: Wärme!

 

Mit einer "traumhaften" Überfahrt haben wir nicht gerechnet. Denn das Wetter blieb weiterhin unberechenbar. Doch dass es sogleich hinter der Hafenmohle auf uns eindonnern sollte, damit haben wir nicht im Geriingsten gerechnet!!!

 

Unsere Stimmung war wirklich bombig - noch! Ja, wir haben uns richtig auf unseren bevorstehenden Turn gefreut. Schlappe 270 SM, das machen wir mit Links - kann kommen was will. Große Töne! ...

 

... Bereits fünf Minuten nach dem Ablegen, also noch direkt vor der Hafenmündung, sollte sich die Stimmung jedoch sogleich ändern. Denn plötzlich sahen wir "Etwas" aus der Ferne in Zick-Zack-Linie auf uns zu rasen! Wir waren beide auf dem Vorschiff, um Leinen, Fender etc. zu verstauen, und plötzlich wie erstarrt.

 

Man, was ist denn das?! SCHEISSDRECK! Meine Starre wich einem riesiegen Satz ins Cockpit. Ein Motorboot von ca. 7m Länge raste mit mindestens 60 Km/h auf uns zu. Der Fahrer schien bewusstlos zu sein. Sein Kopf hing wie leblos taumelnd nach Vorne über das Steuerrad gebeugt. Es waren nur wenige 2 bis 3 Sekunden. Nur noch eine Change! Eine möglichst kleine Angriffsfläche bieten! Mehr war nicht drin!

 

Zwei bis drei Sekunden, die sich in unserem Gedächnis eingebrannt haben. Wir standen total unter Schock! In diesen Sekunden sollte sich entscheiden, ob wir unsere Fahrt vortsetzen konnten, oder aber auf der Stelle versenkt werden.

 

Als das Boot auf gleicher Höhe mit unserem Cockpit war, entlud sich meine Anspannung mit einem brutalen Schrei, der wohl bis zu den Kanaren zu hören gewesen sein muss. Violetta, die immer noch wie zu Stein erstarrt auf dem Vorschiff stand, hatte er wieder Leben eingehaucht.

 

Der Fahrer war eingepennt!

Ja, der Typ war bei 60- und mehr Sachen einfach in seinem Boot eingepennt!

 

Und das haben wir nicht geträumt - nein!

 

Mein erbittender Schrei kam keine Sekunde zu früh und keine Sekunde zu spät.

 

Er hatte auch dem Fahrer des "Geisterbootes" wieder Leben eingehaucht!

Und wir waren mehr als überzeugt. Wäre er nur ein, zwei Sekunden früher aus seiner "Bewusstlosigkeit" erwacht, hätte er vor Schreck sicher das Steuerrad rumgerissen, und sicherlich voll in uns rein gefahren! Doch so glitt er, von der Druckwelle seines Bugs die ihn wohl von unserem Rumpf abdrängte, mit maximal FÜNF CENTIMETER ABSTAND gradlinig an uns vorbei! ...

 

... Doch damit nicht genug! ...

 

Oh mein Gott! Der wird verrecken! Oh mein Gott!

Nur noch wenige 30 Meter vor seinem Bug lag die riesige Betonmauer der Marina mit riesigen Felsen davor.

 

Mein Schrei brachte Ihn nicht nur wieder zu Bewusstsein. Mit einem Handgriff zum Gashebel bremste er Gott gütig sogleich die Fahrt! ...

 

... Wären wir nicht an Ort und Stelle gewesen, hätte ich nicht geschrien, und er nicht so schnell reagiert, wäre seine Rauschfahrt und wohl auch sein Leben in diesem Moment an der wohl Hafenmauer jäh zu Ende gewesen. Denn, ob man so einen Frontalaufprall bei der Geschwindigkeit überlebt, ist eher fraglich.

 

Gott sei Dank -  sind wir bereits um 08:00 Uhr los gefahren. Wir wollten uns eigentlich viel Zeit lassen, um nicht mitten in der Nacht bei La Graciosa anzukommen. Wir wollten eigentlich frühestens um 09:00 Uhr ablegen.

 

Tausende Gedanken rasten mir durch den Kopf. Sogleich erinnerte ich mich an unsere Rückkehr von Norwegen 2010. Noch 120 Meilen bis Flensburg. Wir wollten vor Kolding ankern und dann am nächsten Tag weiter. "Nein, das tust du nicht, du fährst durch", sagte eine kleine Stimme damals zu mir. Hab' ich gemacht, bin, obwohl total übermütet, weiter gefahren, was einer Surferin, die wir aus dem Wasser gefischt haben, das Leben rettete. Und nun dieses!

 

All das mussten wir nun erst einmal verdauen. Der Zick-Zack-Fahrer hat sich so schnell wie er gekommen war, aus dem Staub gemacht. Wir nehmen an, dass er total besoffen gewesen sein muss. Sofort hat her sich wohl wissend aus dem Staub gemacht.

 

Sicherlich hätte ich ihn nicht derart platt gemacht, wie es ihm wohl an der Hafenmauer ergangen wäre, aber den "Arsch" hätte ich ihm sicherlich aufgerissen, um es einmal auf "Seemännisch" zu formulieren... .

 

Rund eine halbe Stunde verbrachten wir damit, das gerade Erlebte zu verarbeiten. Alsdann blieb uns nichts anderes, als GANESCHA weiter zu klarieren, und uns auf den Weg Richtung Kanaren und der sehnlich erhoffter Wärme zu machen.

 

Wind um 4 Bft. aus NO. Was hinter den Bergen hervorkommen sollte, wussten wir nicht. Deshalb setzten wir vorsorglich das 2. Reff ins Groß und zunächst die Kutterfock. "Einschlägige" Erfahrungen hatten wir ja im warsten Sinne des Wortes bereits genug mit den häftigen Talböen auch in dieser Gegend gemacht.

 

Mit ca. 5 - 6 Kn liefen wir des Weges. Entlang an den letzten Felsen von Madeira. Gibt es noch einen Kapeffekt? Gespannt warteten wir, bis wir den letzten Zipfel Madeiras passiert hatten. Erst dann setzten wir ins 1. Reff um und tauschten die Kutterfock gegen die größere Genua.

 

So liefen wir windtechnisch gesehen gemütlich aber doch mit einem "Hab Acht" Gefühl mit rund 6,5 Knoten voran. Das Wetter war durchwachsen bewölkt und schien selbst nicht zu wissen, was es an diesem Tag mit sich anfangen sollte.

 

Grund zur Eile gabe es für uns keines Wegs. Auch nicht, obwohl zwei uns bekannte Segelyachten bereits ca. zwei Stunden zuvor den gleichen Kurs aufgenommen hatten, und in solcher Situation sich rasch so ein Gefühl - in einer Regatta zu stecken - entpuppt. Nein, dieses Gefühl wollte sich patu nicht bei uns einstellen. Zu sehr waren unsere Gedanken noch mit dem morgentlichen Ereignis und wie sich wohl das Wetter entwickeln würde, beschäftigt.

 

Auch für das von mir geliebte "Schleppangeln" wollte sich so recht keine Lust einstellen. Wäre doch die Südspitze von Madeira ein gutes Revier gewesen. Nein. Nachdem wir das Naturschutzgebiet um die südlichen Felsen passiert, und im "Angelgebietes" angekommen waren, zeigte Violetta wieder einmal erste Zeichen von Seekrankheit.

 

Warte mein Liebchen, das ist das letzte mal, dass du ohne "Antikotz" mit fährst! Ansonsten wirst du im Masttopp angebunden, damit ich das nicht immer mit erleben muss!

 

Doch mein Grummeln half ihr nicht die Bohne. Mit zunehmendem Wellengang nahm auch ihre Übelkeit stetig zu. Ein Eimer musste her - gerade noch rechtzeitig. In drei Menügängen hintereinander spülte ich ihr heutiges Frühstück über die Reling. Schade eigentlich - es war wirklich lecker. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass sie es deshalb unbedingt noch einmal über die Geschmacksnerven ziehen wollte. Nein, wohl eher nicht! ...

 

Rasch wurde der Tag wurde zur Nacht. Es ging stark schaukelnd, aber doch gut voran. Beinahe zu gut. Wenn wir so weiter laufen, werden wir in der Nacht auf La Graciosa ankommen! Und wieder hatte ich eine Stimme im Ohr: "Nein, das tust du nicht"! Und es sollte sich noch zeigen warum ... .

 

Mit zunehmender Dämmerung ließ der Wind nach, und die Segel mussten neu eingestellt werden. Im Groß, hatten wir, um nicht zu schnell zu sein in der Nacht, und aus Vorsorge vor etwaigen windstarken Squalls, wieder das 2. Reff ins Groß gesetzt, und die Genua um ca. 1/3 eingerollt. Noch einen kurzen Funkkontakt zu den befreundeten Yachten, die freudig über einen erneuten Fang eines kleinen "Bonitos" berichteten. Na ja, wir werden auch noch was an den Haken bekommen... .

 

Für die Nacht hatte ich es mir im Cockpit gemütlich gemacht. Das ganze Bettzeug rauf, Navi-Alarme (Radar u. AIS) eingestellt, eingemummelt und die Äuglein gelegentlich verkleinert und wieder vergößert. Violetta lag bereits kurz nach Passieren der Südspitze Madeiras in der Achterkabine. So verlief die erste Nacht ohne besondere Vorkommnisse. Auch das "Kotzen" war verstummt.

 

Der zweite Tag unseres Turns nach La Graciosa begann freundlich, mit Wind um 3 Bft. Nun aber noch mehr achterlich. Das Großsegel begann mehr und mehr mit den Wellen hin- und her zu schwojen, sodass wir es einholten und die Genua ausbaumten. Das brachte uns mit gemütlichen 4 - 4,5 Knoten voran. 

 

Violetta verzog sich nach einem kurzen Aufenthalt im Cockpit gleich wieder in die Achterkabine. So ein "Schaukelkurs" liegt ihr gar nicht. Und wenn man keine Pillen nehmen will, dann, na ja, dann eben so. ...

 

So "schaukelten" wir durch den Tag. Und als mit beginnenden Dämmerung der Wind noch weiter nach ließ, fiel auch die noch immer ausgebaumte Genua immer wieder ein, um sich erneut wieder aufzubäumen. Das gleiche Spiel, wieder und wieder. Nun denn, es is eben wie es is! Genua weg, Motor an. Und so knatterten wir weiter gemächlich unserem Ziel entgegen. Das Bettzeug wieder ins Cockpit, Funkspruch mit den anderen Yachten, und, die Alarme an.

 

Um ca. Mitternacht zeigten sich auf dem Radar dann diverse Störungen am Horizont. Gewitter mit Starkregen bzw. Squalls schienen sich genau vor uns zu entwickeln oder aber bereits ihre Tätigkeit aufgenommen zu haben. Das Radar zeigte Bilder wie auf der Überfahrt von Albufeira nach Porto Santo.

 

 

Mit einigen Kursänderungen habe ich versucht den Kapriolen auszuweichen. Mit wohl recht gutem Erfolg, wie ich später von den anderen Yachten erfuhr. Wir haben nur wenige Böen von ca. 25 Knoten und wenige kleine Regenschauer ab bekommen. Die anderen Yachten, die einige Meilen östlich von uns fuhren, berichteten von stärkeren Ereignissen. Nichts aber von größerer Gefahr, weil sich alle wohl bestens vorbereitet hatten.

 

Wegen den Wetterbedingungen landete das geliebte "Rüstzeug" für die Nacht leider wieder unter Deck und dickere Kleidung sorgte nun für die nötige Wärme. Mit einem Auge auf dem Radarschirm und einem geschlossenem Auge segelten wir des Weges.

 

Da der Wind sich immer mal wieder regte, versuchte ich die Motorkraft gegen die Kraft des Windes zu tauschen. Dieses gelang mal mehr, mal weniger. So blieb ich, wenn ich ohnehin Ausguck halten wollte, ein bisschen in Bewegung. Und so kamen wir nun nur mit "Schleichfahrt" bei wechselndem Antrieb unserem Ziel näher und näher. Und, wie gesagt, nichts gegen die "Schleichfahrt", denn wie bereits erwähnt, wollte ich doch patu nicht im Dunkerln in die eigentlich leicht anzusteuernde Bucht einlaufen. ...

 

Mit aufgehender Sonne nach der zweiten Nacht auf See blieben nur noch rund 5 Seemeilen zurück zu legen. Eigentlich ein gutes Timing! Trotz meiner Müdigkeit stellte sich eine echte Zufriedenheit bei mir ein.  Nicht allein wegen dem guten Timing. Nein, auch weil wir die Reise bis hier her, wenn auch wieder einmal mit achterlichen Winden mit viel Schaukellei, aber doch "heile" gemeistert hatten!

 

Nun, da es bereits hell geworden war, legte ich einen kleinen Zahn zu, und bog unter Motor fahrend, im Südwesten der Insel in die Meeresenge zwischen La Graciosa und Lanzarote ein. Stark geblendet von der aufgehenden Sonne wollte sich der Anblick auf die Felsformation von Lanzarote aber nicht einstellen.

 

Vielleicht auch gut so. So konzenztrierte ich mich um so mehr auf die Fahrt und was eventuell vor uns verweilen könnte. Aber halt, es ist doch ein Naturschutzgebiet, wo jegliches Fischen verboten ist! Also, entspanne dich. Hier gibt es keine Bojen und Treibnetze!

 

Denkste! Nicht einmal zu Ende gedacht, musste ich die Maschine mit Vollgas zurück nehmen!

 

Etwa 20 Meter voraus erstreckte sich ein riesiges Stellnetz, welches wohl wegen dem Fischereiverbot nicht gekennzeichnet war. Nein, eher getrarnt! Was für eine Sauerei! Ist denn bei einigen Leuten wirklich so wenig Schmalz in der Birne?! Inmitten eines Einfahrtgebietes wird ein getrantes Schleppnetz von mehreren hundert Metern Länge ausgebracht!!!!

 

Solchen Leuten gehört gehörig das Handwerk gelegt! Ich halte mich mit weiteren Komentaren besser zurück. Bei sowas kann ich nämlich echt der Kragen platzen!

 

Wie gut, dass ich wieder auf den kleinen "Flüsterer" in meinen Ohren gehört habe. Mit Sicherheit wären wir in der Dunkelheit voll in das Netz gerauscht! ...

 

Wenige Minuten später traute sich Violetta wieder ins Cockpit. Ihre Freude nun angekommen zu sein übertünchte ihre Blässe im Gesicht deutlich. Und plumms, fiel auch schon der Anker, inmitten einer schönen Bucht, inmitten vieler Yachten, die hier - südlich von La Graciosa - in der "Playa Francesca" vor Anker lagen.

 

Jau, die Kanaren! Jau, wir sind angekommen! Jau, gesund, munter, unbeschadet!

Jau, um viele Erfahrungen und Erlebnisse reicher! Jau, wir sind angekommen!!!

 

DANKE, DANKE, DANKE !!!

 

La Graciosa - vor Anker
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© Martin Plassonke